Wissenschaft-Praxis-Dialoge

Im Juni 2016 veranstaltete das Promotionskolleg „TransSoz – Leben im transformierten Sozialstaat“ eine Workshop-Reihe, jeweils einen Workshop pro Kolleg-Standort an der Hochschule Düsseldorf, der Technischen Hochschule Köln und der Universität Duisburg-Essen.

Die Wissenschaft-Praxis-Dialoge zielten darauf ab, die Kollegiat*innen des Kollegs, die ganz unterschiedliche Themenfelder im Kontext des Kollegs wissenschaftlich bearbeiten, mit Vertreter*innen aus der Praxis ins Gespräch zu bringen. Die Blickwechsel zwischen Wissenschaft und Praxis entlang von thematischen Schwerpunkten sollten den Wissens- und Erfahrungstransfer der so gebündelten Expertise zu den Wirkungen der „Transformation des Sozialstaats“ vorantreiben und damit die Chance bieten, diese sowohl für die Wissenschaft (Sozialer Arbeit) als auch für die Praxis fruchtbar machen zu können.

Insgesamt drei Veranstaltungen nahmen je unterschiedliche Zielgruppen und Praxispartner in den Blick:

  1. „Arbeitsfähig?! Jugend im transformierten Sozialstaat“ am 09. Juni 2016 von 14.00 – 18.00 Uhr an der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen.
  2. „(Neu)Ordnungen des Städtischen und die Rolle der Sozialen Arbeit“ am 10. Juni 2016 von 9.30 – 14.00 Uhr im Pfarrzentrum Köln-Chorweiler.
  3. „Sorge und Vorsorge in unterschiedlichen Lebensphasen“ am 14. Juni 2016 von 17.30 – 20.00 Uhr an der HSD, Campus Derendorf.

Veranstaltung am Standort Düsseldorf

Am 14. Juni 2016 stellten Kollegiat*innen des Kollegs ihre Forschungsergebnisse im Rahmen eines Wissenschafts-Praxis-Dialogs am Campus Derendorf zur Diskussion. Im Fokus der Veranstaltung stand das Thema „Sorge und Vorsorge in unterschiedlichen Lebensphasen“.

Nach der Begrüßung von Prof. Simone Leiber (HSD) wurde im ersten Teil der Veranstaltung unter dem Titel „Pflegefall, was nun?“ nach Ressourcen und Unterstützungsbedarfen von Angehörigen Pflegebedürftiger gefragt. Nach Einführungsvorträgen durch Timm Frerk, Daniela Brüker, Verena Rossow (jeweils HSD) und Andrea Konkel (Caritasverband Düsseldorf) ging es in der gemeinsamen Diskussion um die Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit sowie um die Entstehung eines so genannten „grauen Marktes“ für migrantische Pflegekräfte aus Mittel- und Osteuropa. Pflegende Angehörige sind häufig vor große Probleme gestellt, wenn sie Pflege und Beruf vereinbaren wollen. Eine vermeintliche Lösung für diese Herausforderung, insbesondere im Bereich der Ganztagsbetreuung, bieten zunehmend agenturvermittelte Migrant*innen. Diese Betreuungsarrangements gehen jedoch teilweise mit Gesetzesverstößen einher. Ein weitsichtigerer Ansatz, um Pflege- und Berufstätigkeit besser vereinbaren zu können, so das gemeinsame Plädoyer, stellt dagegen die Sensibilisierung von Unternehmen und Führungskräften für die Entwicklung einer „pflegesensiblen Unternehmenskultur“ dar.

Im zweiten Teil der Veranstaltung fand unter der Moderation von Ina Conen (HSD) ein Tischgespräch zur Informationssuche in der Altersvorsorgeberatung mit Expert*innen aus der Praxis statt. Unter dem Titel „Altersvorsorgehandeln im transnationalen Raum Deutschland und Türkei“ diskutierte sie gemeinsam mit Ute Röschlau (AWO Schuldner- und Insolvenzberatung), Tuncay Sabanci (Rentenberater bei der Knappschaft Bahn-See), Serpil Ertik und Nessimi Parlak (Student*innen TH Köln) die Informationswege und Beratungsmöglichkeiten zur Altersvorsorge von türkeistämmigen Menschen im transnationalen Raum Deutschland-Türkei. Dabei wurde gemeinsam herausgearbeitet, dass die Frage nach der Altersvorsorge aufgrund verschiedener Barrieren bei der Informationssuche in erster Linie von der Einbindung in Gesichtsfeldkontakte des je sozialen Umfeldes abhängig ist. Institutionelle Beratung könne nur dann gelingen, so das Ergebnis der lebhaften Diskussionsrunde, wenn der Anschluss an die Informationsweitergabe durch „Vertrauenspersonen“ aus dem sozialen Umfeld gelingt. Ist die Altersvorsorgeplanung eingebettet in eine transnationale Lebensführung, so erfordert dies für Institutionen der Sozialen Arbeit, wie bspw. ein Mehrgenerationenhaus, eine interdisziplinäre Gestaltung ihrer Angebote. Hierfür existieren vielfach erprobte Formate, wie Lisa Heite (Generationsnetzwerk Gelsenkirchen) zu berichten wusste.

Veranstaltung am Standort Köln

Am 10. Juni 2016 fand im Sozial- und Gemeinwesenbüro in Köln-Chorweiler die in Kooperation mit Veedel e.V., einem Büro für Gemeinwesenarbeit in Köln, organisierte Veranstaltung „(Neu)Ordnungen des Städtischen und die Rolle der Sozialen Arbeit“ statt.

Dieser Wissenschaft-Praxis-Dialog verfolgte das Ziel, die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen in Bezug auf die Soziale Arbeit und die Transformation des Sozialstaates innerhalb der letzten Jahrzehnte mit den Erfahrungen von Praktiker*innen im Bereich der Gemeinwesen- und Sozialraumarbeit zu diskutieren.

Dazu wurden zunächst Ergebnisse und Diskussionslinien der vergangenen drei Kollegjahre, auch unter Einbezug der Dissertationsprojekte der drei beteiligten Kollegiat*innen, vorgestellt und anschließend mit den Vertreter*innen aus Praxis und Verwaltung der Sozialraum- und Gemeinwesenarbeit diskutiert. Folgende Fragestellungen prägten die Diskussion:

Welche Auswirkungen haben bestimmte sozialpolitische Programme auf die Arbeit im Städtischen Umfeld mit Blick auf den Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Sozialpolitik?

Welche neuen Anknüpfungspunkte bieten die Konzepte kritischer Stadtforschung für die Soziale Arbeit?

Welche Rolle nimmt die Soziale Arbeit als Akteurin in der Stadtgestaltung ein? Wie ist Sozialraumorientierung oder auch das Konzept der intermediären Instanz zu bewerten?

Welche Aushandlungsprozesse und Möglichkeiten des Handelns Sozialer Arbeit und der Gemeinwesenarbeit gibt es im Konkreten?

Den ersten Impuls mit dem Titel: „Die Transformation der ‚Sozialen Arbeit‘ und die Frage nach dem ‚städtischen Raum’“ steuerte Marek Naumann bei. Er lieferte einen Überblick über die im Kolleg diskutierten zentralen Transformationslinien des fordistischen Wohlfahrtsstaates und der Sozialen Arbeit, konturierte diese im Zeichen der Krise als postwohlfahrtstaatliches Regime und stellte die Soziale Arbeit in den Kontext der Frage um die ‚neosoziale Stadt‘.

Im Anschluss daran stelle Judith Knabe die Verbindung zur Praxis der Sozialen Arbeit her, indem sie im dargestellten wohlfahrtstaatlichen Rahmen die Frage nach dem Verhältnis von Sozialer Arbeit und Sozialpolitik in den Vordergrund aufwarf. Dies wurde kommentiert von Rolf Blandow, Geschäftsführer des Veedel e.V., Büro für Gemeinwesenarbeit in Köln-Ostheim, indem er exemplarisch die Entwicklung der Sozialen Arbeit im Gemeinwesen und Sozialraum in Köln und ihre Veränderung darstellte.

Nach einer einstündigen Diskussion mit den Teilnehmer*innen, vor allem über die Bedeutungen der dargestellten Transformation Sozialer Arbeit im Sozialraum für ihren Auftrag und die Partizipation der Stadtbewohner*innen, stellte Nils Wenzler in einem abschließenden Beitrag die Implikationen der kritischen Stadtforschung als Reflexionsmöglichkeit für eine emanzipatorische Praxis der Sozialraumarbeit vor.

Hierauf folgten erneut Kommentierungen aus der Praxis von Klaus-Martin Ellerbrock, Integrationsagentur der Stadt Köln, sowie Siggy Heidt, Büro für Gemeinwesenarbeit der Katholischen Gemeinde in Köln-Chorweiler. Ausgelöst durch die interessanten Kommentare fanden abschließend ein lebhafter Austausch und spannende Diskussionen statt, die den Wunsch nach der Gründung eines Arbeitskreises unter Beteiligung von Hochschule und Praxis stark machten. Dem Anliegen nach weiterem Austausch und Reflexion der eigenen Praxis wird nun zukünftig nachgegangen. So ist bereits ein fester Arbeitskreis geplant und eine weitere Veranstaltung ist terminiert.

 

 

Veranstaltung am Standort Essen

Unter dem Titel „Arbeitsfähig?! Jugend im transformierten Sozialstaat“ fand am 09. Juni 2016 der Wissenschaft-Praxis-Dialog am Standort Essen statt.

Nach Begrüßungen von Prof. Dr. Ruth Enggruber (HS Düsseldorf) und Prof. Dr. Andreas Thimmel (TH Köln) setzte sich der Workshop mit folgender Kernfrage auseinander: Was bedeutet Arbeitsfähigkeit für junge Erwachsene in einem aktivierenden Sozialstaat aus der Sicht der Adressat*innen, der Jugendberufshilfe bzw. der sozialpolitischen Arrangements, in denen junge Erwachsene leben?

Kerstin Discher und Anna Hartfiel (TH Köln) diskutierten vor dem Hintergrund ihrer Dissertationsprojekte die Frage, wie Jugendliche ihre Biografien im Kontext der von ihnen erwarteten Arbeitsfähigkeit thematisieren. Kommentiert wurde dieser Beitrag von Claudia Herzig, Fachbereichsleiterin SGB VIII der Jugendberufshilfe Düsseldorf.

Katja Jepkens und Dr. Anne van Rießen (HS Düsseldorf) richteten anschließend den Blick auf die institutionellen Bedingungen in der Jugendberufshilfe und diskutierten anhand empirischer Analysen aus der Adressat*innen-Perspektive den Nutzen und Nichtnutzen der Angebote im Übergang zwischen Schule und Beruf bzw. Erwerbsarbeit. Kommentiert wurde dieser Beitrag von Wolfgang Förster, dem Geschäftsführer des AWO Berufsbildungszentrums Düsseldorf.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Blick auf die sozialpolitische Ebene durch Yasmine Chehata (TH Köln) und Christoph Gille (Uni Duisburg-Essen): Welche europapolitischen Diskurse beeinflussen nationale Jugendpolitiken und wie unterscheiden sich die wohlfahrtskapitalistischen Regime für junge Erwerbslose in Spanien und Deutschland? Kommentiert wurde dieser Beitrag von Dieter Göbel, Leiter des Fachbereichs Jugend im Landschaftsverband Rheinland.

 An der Veranstaltung nahmen Praktiker*innen unterschiedlicher Träger der Sozialen Arbeit teil, u.a. Internationaler Bund, AWO, Paritätischer Gesamtverband, Landesjugendamt und Jugendberufshilfe Düsseldorf. Darüber hinaus waren auch Vertrerter_innen außerhochschulischer Forschungsinstitute wie bspw. des Instituts für Sozialpädagogische Forschung Mainz anwesend.

Durch die bunte Mischung von Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen, die verschiedene Perspektiven auf die Thematik einbringen konnten, ergab sich eine lebhafte Diskussion, in der verschiedene Facetten des Arbeits- und Forschungsfeldes zur Sprache kamen. Das Veranstaltungskonzept des Dialoges zwischen Wissenschaft und Praxis traf beiderseits auf großes Interesse und erwies sich als fruchtbarer Austausch. Aufgrund des Erfolgs der Veranstaltung wurde der Wunsch geäußert, ein ähnliches Format zu wiederholen und Überlegungen der vergangenen Veranstaltung wieder aufzunehmen.